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Das Myokard ist der muskuläre Hauptbestandteil des Herzens und spielt eine zentrale Rolle für dessen Pumpfunktion. Ohne dieses spezialisierte Gewebe wäre die kontinuierliche Versorgung des Körpers mit sauerstoffreichem Blut nicht möglich. Es handelt sich um eine hochkomplexe Struktur, die sowohl mechanische als auch elektrophysiologische Aufgaben übernimmt.
Allgemeine Beschreibung
Das Myokard besteht aus quergestreifter Herzmuskulatur, die sich in Aufbau und Funktion deutlich von der Skelettmuskulatur unterscheidet. Die Muskelzellen, auch Kardiomyozyten genannt, sind über sogenannte Glanzstreifen (Disci intercalares) miteinander verbunden, die eine schnelle Erregungsweiterleitung und synchrone Kontraktion ermöglichen. Diese strukturelle Besonderheit ist essenziell für die koordinierte Pumpbewegung des Herzens.
Histologisch betrachtet, weist das Myokard eine dichte Anordnung von Muskelfasern auf, die in spiralförmigen Schichten angeordnet sind. Diese Anordnung optimiert die Effizienz der Kontraktion und ermöglicht es dem Herzen, Blut mit ausreichendem Druck in den Kreislauf zu pumpen. Die Dicke des Myokards variiert je nach Herzabschnitt: Während sie im linken Ventrikel am größten ist (bis zu 15 mm bei gesunden Erwachsenen, Quelle: Gray's Anatomy), ist sie in den Vorhöfen deutlich geringer.
Die Blutversorgung des Myokards erfolgt über die Herzkranzgefäße (Koronararterien), deren Verstopfung zu schweren Schäden wie einem Myokardinfarkt führen kann. Stoffwechseltechnisch ist das Myokard extrem aktiv und nutzt primär Fettsäuren und Glukose als Energiequellen. Unter hypoxischen Bedingungen (Sauerstoffmangel) kann es jedoch schnell zu Funktionsstörungen kommen, da die Zellen auf eine kontinuierliche ATP-Produktion angewiesen sind.
Elektrophysiologisch gesehen, generiert das Myokard selbstständig elektrische Impulse, die über das Erregungsleitungssystem des Herzens weitergeleitet werden. Diese Automatizität ermöglicht den rhythmischen Herzschlag, der durch den Sinusknoten gesteuert wird. Störungen in diesem System können zu Arrhythmien führen, die die Pumpleistung des Herzens beeinträchtigen.
Anatomische und funktionelle Gliederung
Das Myokard lässt sich in drei Hauptschichten unterteilen, die jeweils spezifische Funktionen erfüllen. Die äußerste Schicht, das Epimyokard, geht in das Perikard (Herzbeutel) über und schützt das Herz vor Überdehnung. Die mittlere Schicht, das eigentliche Myokard, bildet den kontraktilen Hauptanteil und ist für die Kraftentwicklung verantwortlich. Die innere Schicht, das Endomyokard, grenzt an die Herzhöhlen und trägt zur Glättung des Blutflusses bei.
Funktionell wird das Myokard in die Muskulatur der Vorhöfe (Atrien) und der Kammern (Ventrikel) unterteilt. Die Vorhofmuskulatur ist dünner und dient primär der Blutaufnahme aus den Venen, während die Ventrikelmuskulatur – insbesondere die des linken Ventrikels – für die kraftvolle Auswurfphase (Systole) verantwortlich ist. Die Koordination zwischen Vorhöfen und Kammern wird durch das atrioventrikuläre Leitungssystem (AV-Knoten, His-Bündel, Purkinje-Fasern) sichergestellt.
Pathologische Veränderungen
Das Myokard kann durch verschiedene Erkrankungen in seiner Struktur und Funktion beeinträchtigt werden. Eine der häufigsten Pathologien ist die koronare Herzkrankheit (KHK), die durch arteriosklerotische Veränderungen der Koronararterien gekennzeichnet ist. Diese führt zu einer Minderdurchblutung (Ischämie) und kann im akuten Fall einen Myokardinfarkt auslösen, bei dem Teile des Myokards absterben (Nekrose).
Eine weitere relevante Erkrankung ist die Kardiomyopathie, eine primäre Schädigung des Myokards, die in dilatativen, hypertrophen oder restriktiven Formen auftreten kann. Bei der hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) kommt es zu einer pathologischen Verdickung des Myokards, oft genetisch bedingt, die die diastolische Füllung der Kammern behindert. Dilatative Kardiomyopathien (DCM) hingegen führen zu einer Erweiterung der Herzhöhlen und einer Abnahme der Kontraktionskraft.
Entzündliche Prozesse wie die Myokarditis, häufig viral bedingt, können ebenfalls die Myokardfunktion schwerwiegend stören. Hier kommt es zu einer Infiltration von Immunzellen, die das Muskelgewebe schädigen und zu Narbenbildung (Fibrose) führen. Langfristig kann dies in eine Herzinsuffizienz münden, bei der das Herz nicht mehr in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut zu versorgen.
Diagnostische Verfahren
Die Beurteilung des Myokards erfolgt durch eine Kombination aus bildgebenden und funktionellen Verfahren. Die Echokardiographie ist die primäre Methode zur Beurteilung der Myokarddicke, Kontraktilität und möglicher struktureller Anomalien. Sie ermöglicht die Messung der Ejektionsfraktion (EF), einem zentralen Parameter für die Pumpfunktion des Herzens.
Die Magnetresonanztomographie (MRT) des Herzens bietet eine hochauflösende Darstellung des Myokards und kann insbesondere bei Verdacht auf Myokarditis oder Kardiomyopathien wertvolle Informationen liefern. Durch Kontrastmittelgabe lassen sich Narben (spätes Enhancement) oder entzündliche Veränderungen nachweisen. Die Koronarangiographie bleibt der Goldstandard zur Darstellung der Herzkranzgefäße und wird bei Verdacht auf KHK oder vor interventionellen Eingriffen eingesetzt.
Elektrophysiologische Untersuchungen wie das Elektrokardiogramm (EKG) oder die Langzeit-EKG-Messung dienen der Erfassung von Rhythmusstörungen, die auf Myokardschäden hindeuten können. Laborparameter wie Troponin (bei Infarkt) oder BNP (B-type Natriuretic Peptide, bei Herzinsuffizienz) ergänzen die Diagnostik und ermöglichen eine Risikostratifizierung.
Anwendungsbereiche
- Klinische Kardiologie: Das Myokard steht im Mittelpunkt der Diagnostik und Therapie von Herzerkrankungen wie Infarkt, Herzinsuffizienz oder Arrhythmien. Interventionelle Verfahren wie die perkutane Koronarintervention (PCI) zielen auf die Wiederherstellung der Myokarddurchblutung ab.
- Herzchirurgie: Bei Operationen wie Bypass-Chirurgie oder Herzklappenersatz ist die Schutz des Myokards vor Ischämie (z. B. durch Kardioplegie) entscheidend, um postoperative Komplikationen zu vermeiden.
- Sportmedizin: Die Anpassung des Myokards an körperliche Belastung ("Sportlerherz") wird untersucht, um physiologische von pathologischen Veränderungen (z. B. hypertrophe Kardiomyopathie) abzugrenzen.
- Pharmakologie: Medikamente wie Betablocker, ACE-Hemmer oder Aldosteronantagonisten wirken direkt auf das Myokard, um die Kontraktilität zu modulieren oder den Sauerstoffbedarf zu senken.
- Forschung: In der kardiovaskulären Grundlagenforschung wird das Myokard auf zellulärer Ebene untersucht, etwa zur Entwicklung von Stammzelltherapien oder genetischen Ansätzen bei erblichen Kardiomyopathien.
Bekannte Beispiele
- Myokardinfarkt: Ein akutes Ereignis, bei dem ein Koronargefäß verschlossen wird und Teile des Myokards absterben. Typische Symptome sind Brustschmerzen (Angina pectoris), Schweißausbrüche und Atemnot. Die sofortige Reperfusionstherapie ist lebensrettend.
- Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM): Eine genetisch bedingte Verdickung des Myokards, die oft asymptomatisch bleibt, aber plötzlich zum Herztod führen kann – besonders bei jungen Sportlern.
- Dilatative Kardiomyopathie (DCM): Charakterisiert durch eine Erweiterung der Herzhöhlen und eine reduzierte Ejektionsfraktion. Häufige Ursache für eine Herztransplantation.
- Takotsubo-Kardiomyopathie: Eine vorübergehende Schwächung des Myokards, oft ausgelöst durch starken emotionalen Stress ("Broken-Heart-Syndrom"). Die Symptome ähneln einem Infarkt, die Prognose ist jedoch meist gut.
- Myokarditis: Eine Entzündung des Myokards, häufig durch Viren (z. B. Coxsackie-Viren) oder Autoimmunreaktionen ausgelöst. Kann zu chronischer Herzinsuffizienz führen.
Risiken und Herausforderungen
- Ischämische Schäden: Eine Unterbrechung der Blutversorgung führt innerhalb weniger Minuten zu irreversiblen Schäden. Selbst nach erfolgreicher Reperfusion kann es zu Reperfusionsschäden kommen, die die Erholung des Myokards beeinträchtigen.
- Fibrose und Narbenbildung: Chronische Schädigungen führen zu einer Ersatz des funktionsfähigen Myokards durch Bindegewebe, was die Kontraktilität dauerhaft reduziert. Dies ist ein zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Herzinsuffizienz.
- Elektrische Instabilität: Narben oder entzündliche Veränderungen können als arrhythmogene Substrate wirken und lebensbedrohliche Rhythmusstörungen wie ventrikuläre Tachykardien auslösen.
- Therapeutische Limits: Trotz moderner Medikamente und Interventionen ist die Regenerationsfähigkeit des Myokards begrenzt. Stammzellbasierte Ansätze befinden sich noch in der experimentellen Phase.
- Genetische Prädisposition: Viele Kardiomyopathien sind erblich bedingt, was eine frühzeitige Diagnostik bei Risikopatienten erfordert. Allerdings sind genetische Tests oft kostspielig und nicht immer aussagekräftig.
Ähnliche Begriffe
- Endokard: Die innere Auskleidung des Herzens, die die Herzhöhlen und Klappen bedeckt. Im Gegensatz zum Myokard besteht sie aus einer dünnen Bindegewebsschicht mit Endothelzellen.
- Perikard: Der Herzbeutel, eine doppelwandige Membran, die das Herz umgibt und vor mechanischen Belastungen schützt. Eine Entzündung (Perikarditis) kann das Myokard indirekt beeinträchtigen.
- Epikard: Die äußerste Schicht des Herzens, die dem Myokard aufliegt und Fettgewebe sowie Koronargefäße enthält. Sie ist Teil des viszeralen Perikards.
- Kardiomyozyt: Die spezifische Muskelzelle des Myokards, die durch ihre verzweigte Struktur und die Glanzstreifen (Disci intercalares) gekennzeichnet ist. Sie besitzt nur einen Zentralkern (im Gegensatz zu Skelettmuskelzellen).
- Herzskelett: Eine bindegewebige Struktur, die die Herzklappen verankert und elektrisch die Vorhöfe von den Kammern isoliert. Es dient als mechanische Stütze für das Myokard.
Zusammenfassung
Das Myokard ist der muskuläre Kern des Herzens und verantwortlich für dessen lebenswichtige Pumpfunktion. Seine komplexe Struktur aus Kardiomyozyten, Blutgefäßen und Leitungssystemen ermöglicht eine präzise Koordination von Kontraktion und Erschlaffung. Pathologische Veränderungen wie Ischämien, Entzündungen oder genetische Defekte können die Myokardfunktion schwerwiegend beeinträchtigen und zu Erkrankungen wie Herzinfarkt, Kardiomyopathien oder Herzinsuffizienz führen.
Moderne diagnostische Verfahren wie Echokardiographie, MRT oder Koronarangiographie ermöglichen eine detaillierte Beurteilung des Myokards, während therapeutische Ansätze von Medikamenten über Interventionen bis hin zu experimentellen Stammzelltherapien reichen. Trotz dieser Fortschritte bleibt die begrenzte Regenerationsfähigkeit des Myokards eine zentrale Herausforderung in der Kardiologie. Die Forschung konzentriert sich daher auf präventive Strategien, frühzeitige Diagnostik und innovative Therapieformen, um die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten mit Myokardschäden zu verbessern.
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