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Das Sichtfeld bezeichnet in der Medizin den Bereich, den ein Auge oder beide Augen gleichzeitig ohne Kopfbewegung wahrnehmen können. Es ist ein zentraler Parameter in der ophthalmologischen Diagnostik und dient der Beurteilung der visuellen Funktion sowie der Früherkennung neurologischer oder retinaler Erkrankungen. Die Analyse des Sichtfelds ermöglicht Rückschlüsse auf die Integrität der Sehbahn, von der Netzhaut bis zum visuellen Kortex.

Allgemeine Beschreibung

Das Sichtfeld eines gesunden menschlichen Auges umfasst einen horizontalen Bereich von etwa 150 bis 170 Grad und einen vertikalen Bereich von etwa 120 bis 135 Grad. Diese Werte variieren jedoch in Abhängigkeit von anatomischen Gegebenheiten, wie der Position der Augenhöhlen oder der Form der Nase, die als natürliche Begrenzung fungiert. Das binokulare Sichtfeld, also der Bereich, der von beiden Augen gleichzeitig erfasst wird, beträgt horizontal etwa 120 Grad und ist entscheidend für das räumliche Sehen und die Tiefenwahrnehmung.

Die Perimetrie, ein standardisiertes Verfahren zur Messung des Sichtfelds, erfasst sowohl die zentrale als auch die periphere Sehschärfe. Dabei wird zwischen dem zentralen Sichtfeld (bis etwa 30 Grad um den Fixationspunkt) und dem peripheren Sichtfeld unterschieden. Das zentrale Sichtfeld ist für die Detailwahrnehmung und das Erkennen von Farben verantwortlich, während das periphere Sichtfeld vor allem Bewegungen und Kontraste registriert. Störungen im Sichtfeld können lokalisiert oder generalisiert auftreten und sind häufig mit Erkrankungen wie Glaukom, Netzhautablösung oder zerebrovaskulären Ereignissen assoziiert.

Die physiologische Grundlage des Sichtfelds liegt in der Verteilung der Photorezeptoren auf der Netzhaut. Die höchste Dichte an Zapfen, die für das Farb- und Detailsehen zuständig sind, findet sich in der Makula, insbesondere in der Fovea centralis. Stäbchen, die für das Dämmerungs- und Kontrastsehen verantwortlich sind, sind hingegen gleichmäßiger über die Netzhaut verteilt und ermöglichen die Wahrnehmung im peripheren Bereich. Pathologische Veränderungen, wie beispielsweise ein Makulaödem oder eine Retinitis pigmentosa, führen daher zu charakteristischen Ausfällen im Sichtfeld.

Technische Details

Die Messung des Sichtfelds erfolgt mittels Perimetrie, die in zwei Hauptverfahren unterteilt wird: die kinetische und die statische Perimetrie. Bei der kinetischen Perimetrie, beispielsweise nach Goldmann, werden bewegte Lichtreize definierter Größe und Helligkeit von der Peripherie zum Zentrum geführt, bis sie vom Patienten wahrgenommen werden. Dieses Verfahren eignet sich besonders zur Erfassung großflächiger Ausfälle und wird häufig in der neurologischen Diagnostik eingesetzt. Die statische Perimetrie, wie sie in der automatisierten Standardperimetrie (z. B. nach Humphrey) Anwendung findet, präsentiert stationäre Lichtreize unterschiedlicher Intensität an festgelegten Positionen im Sichtfeld. Sie ermöglicht eine präzisere Quantifizierung von Defekten und ist der Goldstandard in der Glaukomdiagnostik.

Die Ergebnisse der Perimetrie werden in einem Gesichtsfeldschema dargestellt, das die Lichtunterschiedsempfindlichkeit (LUE) in Dezibel (dB) angibt. Ein Wert von 0 dB entspricht dabei der maximalen Helligkeit des verwendeten Stimulus, während höhere Werte eine zunehmende Empfindlichkeit anzeigen. Typische pathologische Muster umfassen bogenförmige Skotome (z. B. Bjerrum-Skotom bei Glaukom), konzentrische Einengungen (z. B. bei Retinitis pigmentosa) oder hemianopische Ausfälle (z. B. bei Schlaganfällen). Die Interpretation der Befunde erfordert eine Korrelation mit klinischen Symptomen und weiteren diagnostischen Verfahren, wie der Funduskopie oder der optischen Kohärenztomographie (OCT).

Die Normwerte für das Sichtfeld sind in internationalen Standards definiert, darunter die ISO 12866 für die Perimetrie. Demnach gilt ein Gesichtsfeld als normal, wenn es innerhalb der 95. Perzentile einer gesunden Referenzpopulation liegt. Abweichungen werden nach ihrer Ausprägung klassifiziert, wobei zwischen relativen Skotomen (eingeschränkte Empfindlichkeit) und absoluten Skotomen (kompletter Ausfall) unterschieden wird. Die Reproduzierbarkeit der Messungen ist entscheidend, da physiologische Schwankungen, wie Ermüdung oder Pupillenweite, die Ergebnisse beeinflussen können.

Historische Entwicklung

Die systematische Erforschung des Sichtfelds begann im 19. Jahrhundert mit den Arbeiten von Hermann von Helmholtz und Albrecht von Graefe. Helmholtz entwickelte 1851 das Ophthalmoskop, das die direkte Betrachtung der Netzhaut ermöglichte und damit die Grundlage für die moderne Perimetrie schuf. Von Graefe führte 1856 die erste quantitative Gesichtsfeldprüfung durch und beschrieb charakteristische Ausfälle bei Glaukompatienten. Die Einführung der kinetischen Perimetrie durch Hans Goldmann in den 1940er-Jahren markierte einen Meilenstein, da sie eine standardisierte und reproduzierbare Messung ermöglichte.

In den 1970er-Jahren revolutionierte die Entwicklung der automatisierten statischen Perimetrie durch Douglas Anderson und andere die Diagnostik. Diese Verfahren nutzten computergestützte Algorithmen, um die Lichtreize präzise zu steuern und die Ergebnisse objektiv auszuwerten. Die Integration von Schwellenwertstrategien, wie der 4-2-dB-Strategie, verbesserte die Sensitivität und Spezifität der Messungen weiter. Heute sind digitale Perimeter mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, die Mustererkennungen durchführen und frühzeitig pathologische Veränderungen identifizieren können.

Normen und Standards

Die Perimetrie unterliegt internationalen Normen, die die Vergleichbarkeit und Qualität der Messungen sicherstellen. Die DIN EN ISO 12866 definiert Anforderungen an Perimeter, einschließlich der technischen Spezifikationen für Lichtreize, Hintergrundbeleuchtung und Kalibrierung. Die International Perimetric Society (IPS) gibt Leitlinien für die Durchführung und Interpretation der Perimetrie heraus, die regelmäßig aktualisiert werden. Zudem sind in der klinischen Praxis Richtlinien der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und der American Academy of Ophthalmology (AAO) maßgeblich, die Empfehlungen zur Indikationsstellung und Befunddokumentation enthalten.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

Der Begriff Sichtfeld wird häufig mit dem Begriff Gesichtsfeld synonym verwendet, wobei in der medizinischen Fachsprache eine klare Differenzierung vorgenommen wird. Das Gesichtsfeld bezieht sich auf den gesamten Bereich, der bei unbewegtem Kopf und fixiertem Blick wahrgenommen wird, während das Sichtfeld spezifisch die funktionelle Wahrnehmungsfähigkeit eines Auges oder beider Augen beschreibt. Ein weiterer verwandter Begriff ist das Blickfeld, das den Bereich bezeichnet, der durch Augenbewegungen ohne Kopfbewegung erfasst werden kann. Im Gegensatz zum Sichtfeld umfasst das Blickfeld auch Areale, die außerhalb des primären Gesichtsfelds liegen, aber durch Sakkaden oder Folgebewegungen erreicht werden können.

Anwendungsbereiche

  • Ophthalmologie: Das Sichtfeld ist ein zentraler Parameter in der Diagnostik und Verlaufskontrolle von Erkrankungen wie Glaukom, diabetischer Retinopathie oder Makuladegeneration. Regelmäßige Perimetrie ermöglicht die Früherkennung von Funktionsverlusten und die Anpassung therapeutischer Maßnahmen.
  • Neurologie: In der neurologischen Diagnostik dient die Perimetrie der Lokalisation von Läsionen in der Sehbahn, beispielsweise bei Hirntumoren, Schlaganfällen oder Multipler Sklerose. Hemianopsien oder Quadrantenanopsien geben Aufschluss über die betroffenen Hirnareale und unterstützen die differentialdiagnostische Abklärung.
  • Arbeitsmedizin: Die Beurteilung des Sichtfelds ist relevant für die Eignungsuntersuchung von Berufsgruppen mit besonderen visuellen Anforderungen, wie Piloten, Kraftfahrern oder Maschinenbedienern. Einschränkungen im peripheren Sichtfeld können die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen und ein Sicherheitsrisiko darstellen.
  • Forschung: In klinischen Studien wird die Perimetrie eingesetzt, um die Wirksamkeit neuer Therapien, beispielsweise bei Netzhauterkrankungen, zu evaluieren. Die quantitative Erfassung von Gesichtsfeldausfällen dient als objektiver Endpunkt für die Beurteilung des Therapieerfolgs.

Bekannte Beispiele

  • Glaukom: Beim Glaukom kommt es zu einer progredienten Schädigung des Sehnervs, die sich typischerweise durch bogenförmige Skotome im nasalen Gesichtsfeld manifestiert. Diese Ausfälle, bekannt als Bjerrum-Skotome, sind ein frühes Zeichen der Erkrankung und korrelieren mit dem Verlust retinaler Ganglienzellen.
  • Retinitis pigmentosa: Diese hereditäre Netzhautdegeneration führt zu einer konzentrischen Einengung des Sichtfelds, die im Verlauf zu einem sogenannten "Tunnelblick" führt. Die Patienten verlieren zunächst das periphere Sehen, während das zentrale Gesichtsfeld lange erhalten bleibt.
  • Hemianopsie nach Schlaganfall: Ein Infarkt im Bereich der Sehstrahlung oder des visuellen Kortex kann zu einer homonymen Hemianopsie führen, bei der die Patienten eine Hälfte ihres Gesichtsfelds verlieren. Diese Ausfälle sind häufig mit anderen neurologischen Defiziten assoziiert und erfordern eine interdisziplinäre Rehabilitation.

Risiken und Herausforderungen

  • Falsch-positive oder falsch-negative Ergebnisse: Die Perimetrie ist anfällig für Artefakte, die durch Ermüdung, mangelnde Compliance des Patienten oder technische Störungen verursacht werden. Falsch-positive Ergebnisse können zu unnötigen weiteren Untersuchungen führen, während falsch-negative Befunde die Diagnose verzögern.
  • Interpretationsschwierigkeiten: Die korrekte Deutung von Gesichtsfeldausfällen erfordert Erfahrung, da physiologische Variationen und individuelle Unterschiede die Befunde beeinflussen können. Eine Fehlinterpretation kann zu falschen therapeutischen Konsequenzen führen.
  • Technische Limitationen: Die Perimetrie ist abhängig von der Qualität der verwendeten Geräte und der Kalibrierung. Ältere Perimeter oder unzureichend gewartete Systeme können ungenaue Ergebnisse liefern und die Vergleichbarkeit von Befunden beeinträchtigen.
  • Patientenabhängige Faktoren: Kognitive Einschränkungen, Sprachbarrieren oder motorische Defizite können die Durchführung der Perimetrie erschweren und die Aussagekraft der Ergebnisse mindern. Eine angepasste Teststrategie oder alternative Verfahren, wie die Frequenzverdopplungsperimetrie, können in solchen Fällen erforderlich sein.

Ähnliche Begriffe

  • Gesichtsfeld: Bezeichnet den gesamten Bereich, der bei unbewegtem Kopf und fixiertem Blick wahrgenommen wird. Im Gegensatz zum Sichtfeld, das die funktionelle Wahrnehmungsfähigkeit beschreibt, ist das Gesichtsfeld ein anatomisch definierter Begriff, der die räumliche Ausdehnung der visuellen Wahrnehmung angibt.
  • Blickfeld: Umfasst den Bereich, der durch Augenbewegungen ohne Kopfbewegung erfasst werden kann. Es ist größer als das Gesichtsfeld und schließt Areale ein, die durch Sakkaden oder Folgebewegungen erreicht werden.
  • Skotom: Bezeichnet einen lokalisierten Ausfall im Gesichtsfeld, der durch pathologische Veränderungen der Netzhaut, des Sehnervs oder der Sehbahn verursacht wird. Skotome können absolut (kompletter Ausfall) oder relativ (eingeschränkte Empfindlichkeit) sein.
  • Perimetrie: Ein diagnostisches Verfahren zur Messung des Gesichtsfelds, das sowohl kinetische als auch statische Methoden umfasst. Die Perimetrie ist das Standardverfahren zur Erfassung von Funktionsstörungen im Sichtfeld.

Zusammenfassung

Das Sichtfeld ist ein essenzieller Parameter in der ophthalmologischen und neurologischen Diagnostik, der die funktionelle Wahrnehmungsfähigkeit des visuellen Systems beschreibt. Die Perimetrie ermöglicht die präzise Erfassung von Ausfällen, die auf Erkrankungen wie Glaukom, Netzhautdegenerationen oder zerebrale Läsionen hinweisen. Durch die Kombination von kinetischen und statischen Verfahren können sowohl großflächige als auch lokalisierte Defekte identifiziert und quantifiziert werden. Die Interpretation der Befunde erfordert eine fundierte Kenntnis der physiologischen und pathologischen Muster sowie die Berücksichtigung patientenabhängiger Faktoren. Trotz technischer Fortschritte bleibt die Perimetrie ein subjektives Verfahren, das von der Compliance des Patienten und der Expertise des Untersuchers abhängig ist.

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