English: serum / Español: suero / Português: soro / Français: sérum / Italiano: siero

In der Medizin bezeichnet Serum die flüssige, zellfreie Komponente des Blutes, die nach der Gerinnung und Abtrennung der Blutzellen zurückbleibt. Es spielt eine zentrale Rolle in Diagnostik, Therapie und Forschung, da es Antikörper, Elektrolyte, Hormone und andere bioaktive Moleküle enthält. Die Gewinnung und Anwendung von Serum unterliegt strengen medizinischen und ethischen Richtlinien, um Sicherheit und Wirksamkeit zu gewährleisten.

Allgemeine Beschreibung

Serum ist eine klare, gelbliche Flüssigkeit, die nach der Koagulation des Blutes und der Entfernung von Fibrinogen, Blutzellen und anderen festen Bestandteilen verbleibt. Im Gegensatz zu Blutplasma, das durch Zentrifugation von ungerinnbarem, mit Antikoagulanzien versetztem Blut gewonnen wird, entsteht Serum auf natürliche Weise durch den Gerinnungsprozess. Dieser Prozess wird in der Regel durch die Aktivierung von Thrombozyten und der anschließenden Umwandlung von Prothrombin zu Thrombin eingeleitet, was zur Bildung eines Fibrin-Netzwerks führt. Die verbleibende Flüssigkeit – das Serum – enthält keine Gerinnungsfaktoren mehr, dafür aber eine Vielzahl von Proteinen wie Immunglobuline (Antikörper), Albumin, Enzyme und Transportproteine.

Die Zusammensetzung von Serum variiert je nach physiologischem Zustand des Organismus, Ernährung, Hormonhaushalt und möglichen pathologischen Veränderungen. So können beispielsweise Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP) oder spezifische Antikörper gegen Infektionserreger im Serum nachweisbar sein und dienen damit als wichtige diagnostische Indikatoren. In der Laboranalytik wird Serum häufig für klinisch-chemische Untersuchungen verwendet, etwa zur Bestimmung von Glukose-, Cholesterin- oder Elektrolytwerten (Natrium, Kalium, Calcium). Die Lagerung von Serum erfolgt meist bei Temperaturen zwischen 2 °C und 8 °C für kurzfristige Aufbewahrung oder bei −20 °C bis −80 °C für langfristige Konservierung, um die Stabilität der enthaltenen Biomoleküle zu gewährleisten.

Ein weiterer zentraler Aspekt von Serum ist seine Verwendung in der passiven Immunisierung. Hier werden spezifische Antikörper, die in einem Spenderorganismus (menschlich oder tierisch) nach einer Infektion oder Impfung gebildet wurden, auf einen Empfänger übertragen, um diesen vor Infektionskrankheiten zu schützen. Historisch wurde dies beispielsweise bei der Behandlung von Diphtherie oder Tetanus eingesetzt, wobei Pferdeseren als Antitoxine dienten. Moderne Anwendungen umfassen die Therapie von Schlangenbissen, die Gabe von Immunglobulinen bei Immunschwäche oder die experimentelle Behandlung von COVID-19 mit Rekonvaleszenten-Seren. Die Herstellung solcher therapeutischer Sera unterliegt hohen Sicherheitsstandards, um allergische Reaktionen oder die Übertragung von Krankheitserregern zu vermeiden.

In der Forschung dient Serum als Medium für Zellkulturen, da es Wachstumsfaktoren und Nährstoffe enthält, die das Überleben und die Proliferation von Zellen in vitro unterstützen. Fetales Kälberserum (FKS) ist hier ein häufig verwendeter Zusatz, der jedoch aufgrund ethischer Bedenken und möglicher Variabilität zwischen Chargen zunehmend durch definierte, serumfreie Medien ersetzt wird. Zudem wird Serum in der Proteomik und Metabolomik analysiert, um Biomarker für Krankheiten wie Krebs, Autoimmunerkrankungen oder metabolische Störungen zu identifizieren. Die Hochdurchsatzanalyse von Serumproben ermöglicht dabei die Entdeckung neuer diagnostischer oder therapeutischer Ziele.

Gewinnung und Verarbeitung

Die Gewinnung von Serum erfolgt in mehreren Schritten, beginnend mit der Blutentnahme, meist aus einer Vene (venöses Blut). Das Blut wird in ein Röhrchen ohne Antikoagulanzien gegeben und für etwa 30 bis 60 Minuten bei Raumtemperatur (15 °C bis 25 °C) stehen gelassen, um die Gerinnung einzuleiten. Anschließend wird das geronnene Blut bei 1.000 bis 2.000 × g für 10 bis 15 Minuten zentrifugiert, um die festen Bestandteile (Blutkuchen) vom überstehenden Serum zu trennen. Das gewonnene Serum kann dann abpipettiert und für weitere Analysen oder Anwendungen vorbereitet werden.

Für spezielle Anwendungen, wie die Herstellung von Immunseren, werden Spendertiere (z. B. Pferde, Kaninchen oder Schafe) mit einem Antigen immunisiert, um eine starke Antikörperantwort auszulösen. Nach mehreren Wochen wird das Blut der Tiere entnommen, das Serum isoliert und aufgereinigt. Dieser Prozess erfordert strenge Kontrollen, um die Reinheit und Spezifität der Antikörper zu gewährleisten sowie mögliche Kontaminationen mit tierischen Pathogenen auszuschließen. In der humanmedizinischen Anwendung werden solche Sera oft weiterverarbeitet, etwa durch Fraktionierung oder Affinitätschromatographie, um spezifische Immunglobuline (z. B. IgG) zu isolieren.

Die Qualität des Serums hängt entscheidend von der Präanalytik ab, d. h. von den Bedingungen während und nach der Blutentnahme. Faktoren wie Hämolyse (Zerstörung der roten Blutkörperchen), Lipämie (erhöhte Fettwerte) oder ikterisches Serum (erhöhte Bilirubinwerte) können die analytische Aussagekraft beeinträchtigen. Daher müssen Proben schnell verarbeitet und unter standardisierten Bedingungen gelagert werden. Moderne Laboratorien nutzen oft automatisierte Systeme zur Serumgewinnung, um menschliche Fehler zu minimieren und die Reproduzierbarkeit zu erhöhen.

Anwendungsbereiche

  • Diagnostik: Serum wird in der klinischen Chemie und Immunologie eingesetzt, um eine Vielzahl von Parametern zu messen, darunter Enzymaktivitäten (z. B. Alanin-Aminotransferase, ALT), Hormonspiegel (z. B. Thyroxin, T4) oder Tumormarker (z. B. prostataspezifisches Antigen, PSA). Diese Analysen helfen bei der Diagnose und Verlaufskontrolle von Erkrankungen wie Diabetes, Leberzirrhose oder Krebs.
  • Therapie: Therapeutische Sera, wie Antitoxine oder Immunglobulinpräparate, werden zur Behandlung von Infektionskrankheiten, Vergiftungen (z. B. Schlangenbisse) oder Immunschwächen eingesetzt. Rekonvaleszenten-Seren, die Antikörper von genesenen Patienten enthalten, wurden während der COVID-19-Pandemie experimentell erprobt.
  • Forschung: In der biomedizinischen Forschung dient Serum als Quelle für Proteine, Wachstumsfaktoren und Zytokine. Es wird in Zellkulturen, Proteinanalysen (z. B. Western Blot) oder als Kontrollmaterial in Experimenten verwendet. Zudem ist es ein zentrales Medium in der Entwicklung von Impfstoffen und Therapeutika.
  • Transfusionsmedizin: Obwohl Serum selbst nicht transfundiert wird, sind Serumprodukte wie Albuminlösungen oder Gerinnungsfaktoren (z. B. Faktor VIII) essenzielle Bestandteile der modernen Transfusionsmedizin, etwa bei der Behandlung von Verbrennungen oder Hämophilie.
  • Veterinärmedizin: In der Tiermedizin werden Sera zur Diagnostik (z. B. Nachweis von Antikörpern gegen Tollwut) oder Therapie (z. B. Antiseren gegen Tiergifte) genutzt. Auch in der Nutztierhaltung spielt Serum eine Rolle, etwa bei der Überwachung von Herden auf Infektionskrankheiten.

Bekannte Beispiele

  • Rekonvaleszenten-Serum: Während der COVID-19-Pandemie wurde Serum von genesenen Patienten gesammelt und an Schwerstkranke verabreicht, um deren Immunantwort zu unterstützen. Studien zeigten gemischte Ergebnisse, doch das Prinzip der passiven Immunisierung bleibt ein wichtiger Ansatz in der Infektiologie.
  • Diphtherie-Antitoxin: Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Emil von Behring das erste wirksame Serum gegen Diphtherie, wofür er 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin erhielt. Das Antitoxin wird aus dem Serum immunisierter Pferde gewonnen und ist noch heute in Notfällen einsetzbar.
  • Fetales Kälberserum (FKS): Ein Standardzusatz in Zellkulturlaboren, der Wachstumsfaktoren für die in-vitro-Züchtung von Säugetierzellen bereitstellt. Aufgrund ethischer Bedenken wird nach Alternativen geforscht, etwa synthetischen Serumersatzstoffen.
  • Monoklonale Antikörper: Moderne Biopharmazeutika wie Rituximab (gegen Krebs) oder Tocilizumab (gegen Rheuma) werden zwar nicht direkt aus Serum gewonnen, basieren aber auf der Isolierung spezifischer Antikörper, die ursprünglich in Serum oder Plasma nachweisbar waren.
  • Blutgruppen-Serologie: Serum wird in der Blutbank verwendet, um Antikörper gegen Blutgruppenantigene (z. B. Anti-A, Anti-B) nachzuweisen und so die Verträglichkeit von Bluttransfusionen zu prüfen.

Risiken und Herausforderungen

  • Allergische Reaktionen: Die Gabe von tierischen Seren (z. B. Pferdeserum) kann schwere allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock auslösen. Moderne Präparate werden daher oft gereinigt oder durch humanisierte Antikörper ersetzt.
  • Krankheitsübertragung: Nicht ausreichend getestete Sera bergen das Risiko der Übertragung von Viren (z. B. HIV, Hepatitis) oder Prionen (z. B. Creutzfeldt-Jakob-Krankheit). Strenge Screening-Verfahren und Inaktivierungsmethoden (z. B. Hitze oder chemische Behandlung) sind daher essenziell.
  • Chargenvariabilität: Besonders bei fetalem Kälberserum können Unterschiede zwischen verschiedenen Chargen die Reproduzierbarkeit von Experimenten beeinträchtigen. Dies erfordert standardisierte Herstellungsprozesse und Qualitätskontrollen.
  • Ethische Bedenken: Die Gewinnung von Serum aus Tieren oder menschlichen Spendern wirft Fragen nach Tierwohl, Einwilligung und gerechter Vergütung auf. Alternativen wie synthetische Medien oder rekombinante Proteine werden zunehmend erforscht.
  • Kosten und Verfügbarkeit: Hochspezifische Sera (z. B. gegen seltene Toxine) sind oft teuer und nur begrenzt verfügbar, was ihre breite Anwendung einschränkt. Dies betrifft besonders Länder mit geringen Ressourcen.
  • Präanalytische Fehler: Unsachgemäße Lagerung (z. B. wiederholtes Einfrieren und Auftauen) oder Kontaminationen können Serumproben unbrauchbar machen und zu falschen Diagnosen führen.

Ähnliche Begriffe

  • Blutplasma: Im Gegensatz zu Serum wird Plasma durch Zentrifugation von mit Antikoagulanzien (z. B. EDTA oder Citrat) versetztem Blut gewonnen und enthält daher noch Gerinnungsfaktoren wie Fibrinogen. Plasma wird häufiger für Transfusionen verwendet.
  • Immunglobuline (Antikörper): Proteine des Immunsystems, die im Serum zirkulieren und spezifisch an Antigene binden. Sie werden therapeutisch in aufgereinigter Form (z. B. als intravenöse Immunglobuline, IVIG) eingesetzt.
  • Exosomen: Kleine Vesikel, die von Zellen in Körperflüssigkeiten wie Serum abgegeben werden und Biomoleküle (Proteine, RNA) enthalten. Sie gelten als vielversprechende Biomarker für Krankheiten wie Krebs.
  • Kryopräzipitat: Ein aus Plasma gewonnener Niederschlag, der reich an Gerinnungsfaktoren (z. B. Faktor VIII, Fibrinogen) ist und in der Hämophilie-Therapie verwendet wird.
  • Autologes Serum: Serum, das aus dem eigenen Blut eines Patienten gewonnen und diesem wieder verabreicht wird, etwa in der Wundheilung oder Augenheilkunde (z. B. bei trockenem Auge).

Zusammenfassung

Serum ist eine unverzichtbare Komponente in Medizin, Diagnostik und Forschung, die durch ihre einzigartige Zusammensetzung an Proteinen, Antikörpern und Signalmolekülen vielseitig einsetzbar ist. Seine Gewinnung erfordert präzise Verfahren, um Kontaminationen und Qualitätsverluste zu vermeiden. Von der passiven Immunisierung über die Laboranalytik bis hin zur Zellkultur – Serum verbindet grundlegende biologische Prinzipien mit hochmodernen Anwendungen. Dennoch birgt sein Einsatz Risiken wie allergische Reaktionen oder Krankheitsübertragungen, die durch strenge Sicherheitsprotokolle minimiert werden müssen. Die Zukunft der Serumforschung liegt in der Entwicklung synthetischer Alternativen, der Verbesserung von Tierwohlstandards und der Entdeckung neuer Biomarker für personalisierte Therapien.

--

Dieses Lexikon ist ein Produkt der quality-Datenbank. Impressum