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Das Unterlid ist ein zentraler Bestandteil der Augenanatomie und erfüllt essenzielle Schutz- und Funktionsaufgaben für das Sehorgan. Als bewegliche Hautfalte bildet es gemeinsam mit dem Oberlid die vordere Begrenzung der Orbita und reguliert den Zugang zu Hornhaut und Bindehaut. Seine strukturelle und funktionelle Integrität ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der okulären Gesundheit sowie für die Verteilung des Tränenfilms.

Allgemeine Beschreibung

Das Unterlid, lateinisch Palpebra inferior, stellt die untere der beiden Augenlider dar und erstreckt sich vom medialen bis zum lateralen Lidwinkel. Es besteht aus mehreren Schichten, die von außen nach innen wie folgt aufgebaut sind: Haut, subkutanes Bindegewebe, Muskulatur (insbesondere der Musculus orbicularis oculi), Tarsus (Lidknorpel) mit Meibom-Drüsen sowie die Bindehaut (Tunica conjunctiva). Die Haut des Unterlids ist mit einer Dicke von etwa 0,5 bis 1,0 Millimetern eine der dünnsten Hautregionen des menschlichen Körpers und weist eine hohe Elastizität auf, um den Lidbewegungen folgen zu können.

Funktionell dient das Unterlid primär dem Schutz des Augapfels vor mechanischen Einwirkungen, Austrocknung und Fremdkörpern. Durch den Lidschlussreflex wird das Auge bei Bedrohung, wie etwa Berührung oder grelllem Licht, innerhalb von 0,1 bis 0,2 Sekunden geschlossen. Zudem unterstützt das Unterlid die gleichmäßige Verteilung des Tränenfilms über die Hornhaut, indem es bei jedem Lidschlag Tränenflüssigkeit von der Tränendrüse über die Augenoberfläche verteilt. Die Meibom-Drüsen im Tarsus sezernieren lipidhaltige Sekrete, die die Verdunstung der Tränenflüssigkeit reduzieren und so die Benetzung der Hornhaut optimieren.

Die Innervation des Unterlids erfolgt über den Nervus facialis (VII. Hirnnerv) für die motorische Steuerung des Musculus orbicularis oculi sowie über den Nervus trigeminus (V. Hirnnerv, insbesondere der Nervus infraorbitalis) für die sensible Versorgung. Die Blutversorgung wird hauptsächlich durch Äste der Arteria facialis und der Arteria ophthalmica sichergestellt. Lymphatisch drainiert das Unterlid in die präaurikulären und submandibulären Lymphknoten.

Anatomische Details

Der Tarsus des Unterlids ist ein halbmondförmiger, etwa 5 Millimeter hoher und 25 Millimeter langer Faserknorpel, der dem Lid seine strukturelle Stabilität verleiht. Er enthält 20 bis 30 Meibom-Drüsen, die parallel in vertikaler Ausrichtung angeordnet sind und deren Ausführungsgänge an der Lidkante münden. Die Lidkante selbst ist durch die Linea grisea in eine vordere und hintere Lamelle unterteilt: Die vordere Lamelle umfasst Haut und Muskulatur, während die hintere Lamelle aus Tarsus und Bindehaut besteht.

Ein weiteres anatomisches Merkmal ist der Fornix conjunctivae inferior, eine Umschlagfalte der Bindehaut, die den Übergang zwischen Lid- und Augapfelbindehaut markiert. Diese Region dient als Reservoir für Tränenflüssigkeit und ist reich an Becherzellen, die Muzine produzieren und so die Haftung des Tränenfilms auf der Hornhaut verbessern. Die Position des Unterlids wird zudem durch den Musculus tarsalis inferior (auch Müller-Muskel genannt) beeinflusst, der sympathisch innerviert wird und für die Aufrechterhaltung des Lidtonus verantwortlich ist.

Funktionen im Tränenfilm-System

Das Unterlid spielt eine Schlüsselrolle im dreischichtigen Tränenfilm, der aus einer lipidhaltigen äußeren Schicht, einer wässrigen mittleren Schicht und einer muzinreichen inneren Schicht besteht. Die lipidhaltige Schicht, produziert von den Meibom-Drüsen, verhindert die vorzeitige Verdunstung der wässrigen Schicht und stabilisiert den Tränenfilm. Bei jedem Lidschlag wird die Tränenflüssigkeit gleichmäßig über die Hornhaut verteilt, wobei das Unterlid als "Wischer" fungiert und Verunreinigungen in Richtung des medialen Lidwinkels transportiert, wo sie über die Tränenpünktchen (Puncta lacrimalia) in das ableitende Tränensystem gelangen.

Störungen in der Funktion des Unterlids, wie etwa ein unvollständiger Lidschluss (Lagophthalmus) oder eine Fehlstellung (Ektropium oder Entropium), können zu schweren okulären Komplikationen führen. Ein Ektropium, bei dem das Unterlid nach außen gedreht ist, führt zu einer chronischen Reizung der Bindehaut und einer gestörten Tränenfilmverteilung. Ein Entropium hingegen, bei dem das Lid nach innen gedreht ist, verursacht eine mechanische Irritation der Hornhaut durch die Wimpern (Trichiasis) und kann Hornhautulzera begünstigen.

Klinische Relevanz und Pathologien

Erkrankungen des Unterlids umfassen entzündliche, degenerative, neoplastische und traumatische Veränderungen. Zu den häufigsten entzündlichen Erkrankungen zählt die Blepharitis, eine chronische Entzündung der Lidkante, die durch Dysfunktion der Meibom-Drüsen, bakterielle Besiedlung (häufig Staphylococcus aureus) oder seborrhoische Dermatitis ausgelöst werden kann. Symptome sind Rötung, Schwellung, Juckreiz und die Bildung von Krusten an den Wimpern. Eine spezifische Form ist die Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MGD), die zu einer qualitativen Veränderung des Tränenfilms führt und das trockene Auge (Keratoconjunctivitis sicca) begünstigt.

Neoplastische Veränderungen des Unterlids können benigne (z. B. Chalazion, Papillom) oder maligne (z. B. Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom) sein. Das Basalzellkarzinom ist mit etwa 90 % der häufigste maligne Lidtumor und tritt bevorzugt an der Unterlidkante auf. Es zeichnet sich durch ein langsames, lokal invasives Wachstum aus und metastasiert selten. Die Therapie besteht in der Regel in einer vollständigen chirurgischen Exzision mit histologischer Schnittrandkontrolle (mikrographische Chirurgie nach Mohs).

Traumatische Verletzungen des Unterlids, wie Schnitt- oder Risswunden, erfordern eine sorgfältige Rekonstruktion, um funktionelle und ästhetische Defizite zu vermeiden. Dabei ist insbesondere auf die Wiederherstellung der Lidkante und der Tränenwege zu achten, um Komplikationen wie Epiphora (Tränenträufeln) oder Lidfehlstellungen zu verhindern. Die Versorgung erfolgt häufig in mehreren Schichten, wobei zunächst der Tarsus und die Bindehaut readaptiert werden, gefolgt von der Muskulatur und der Haut.

Diagnostische Verfahren

Die Untersuchung des Unterlids umfasst eine Reihe klinischer und apparativer Verfahren. Die Inspektion erfolgt zunächst bei Tageslicht oder mit einer Spaltlampe, wobei auf Symmetrie, Lidstellung, Hautveränderungen und Wimpernstellung geachtet wird. Die Palpation kann Hinweise auf Verhärtungen (z. B. bei Chalazion) oder Druckdolenz (z. B. bei Hordeolum) geben. Zur Beurteilung der Tränenfilmstabilität wird der Tränenfilmaufreißzeit-Test (Break-Up Time, BUT) durchgeführt, bei dem die Zeit bis zum Aufreißen des Tränenfilms nach einem Lidschlag gemessen wird. Werte unter 10 Sekunden deuten auf eine Tränenfilminstabilität hin.

Bei Verdacht auf eine Tränenwegsstenose kann eine Tränenwegsspülung oder eine Dakryozystographie (röntgenologische Darstellung der Tränenwege mit Kontrastmittel) erfolgen. Zur Abklärung neoplastischer Veränderungen ist eine Biopsie mit histopathologischer Untersuchung indiziert. Bildgebende Verfahren wie die optische Kohärenztomographie (OCT) oder die Ultraschallbiomikroskopie (UBM) können zur Beurteilung der Lidstrukturen und zur präoperativen Planung eingesetzt werden.

Therapeutische Ansätze

Die Therapie von Unterliderkrankungen richtet sich nach der zugrundeliegenden Pathologie. Bei entzündlichen Erkrankungen wie der Blepharitis stehen konservative Maßnahmen im Vordergrund, darunter Lidrandhygiene mit warmen Kompressen und Reinigung der Lidkante mit milden Reinigungslösungen. Bei bakterieller Superinfektion können topische Antibiotika (z. B. Erythromycin oder Azithromycin) eingesetzt werden. Bei Meibom-Drüsen-Dysfunktion kommen zusätzlich systemische Tetrazykline (z. B. Doxycyclin) zum Einsatz, die entzündungshemmend wirken und die Lipidsekretion verbessern.

Chirurgische Eingriffe am Unterlid sind bei Fehlstellungen (Ektropium, Entropium), Tumoren oder traumatischen Defekten indiziert. Die Korrektur eines Ektropiums erfolgt häufig durch eine laterale Zügelplastik oder eine Keilexzision, während ein Entropium durch eine Wies-Plastik oder eine Quickert-Naht behandelt werden kann. Bei Tumoren ist eine vollständige Exzision mit Sicherheitsabstand anzustreben, wobei rekonstruktive Techniken wie Verschiebelappen oder freie Hauttransplantate zum Einsatz kommen können. Postoperativ ist eine engmaschige Kontrolle erforderlich, um Komplikationen wie Infektionen, Nahtdehiszenzen oder Rezidive frühzeitig zu erkennen.

Anwendungsbereiche

  • Ophthalmologie: Das Unterlid ist Gegenstand zahlreicher diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen in der Augenheilkunde. Dazu gehören die Behandlung von Lidfehlstellungen, Tumoren, entzündlichen Erkrankungen sowie die Rekonstruktion nach Traumata oder Tumorresektionen. Zudem spielt es eine zentrale Rolle in der Diagnostik und Therapie des trockenen Auges.
  • Dermatologie: Aufgrund seiner dünnen Haut und der hohen UV-Exposition ist das Unterlid ein häufiger Manifestationsort für Hauttumoren, insbesondere Basalzellkarzinome. Dermatologische Interventionen umfassen die Exzision von Tumoren sowie die Behandlung entzündlicher Dermatosen wie der atopischen Dermatitis oder der seborrhoischen Dermatitis.
  • Plastische Chirurgie: Das Unterlid ist ein wichtiger Fokus ästhetischer und rekonstruktiver Eingriffe. Dazu zählen Blepharoplastiken zur Korrektur von Schlupflidern (Dermatochalasis), die Rekonstruktion nach Tumorresektionen sowie die Behandlung von Narben oder traumatischen Defekten. Ästhetische Eingriffe zielen auf eine Harmonisierung der Lidkontur und eine Verjüngung des periorbitalen Bereichs ab.
  • Neurologie: Erkrankungen des Nervensystems können zu Funktionsstörungen des Unterlids führen. Ein Beispiel ist die Fazialisparese, die zu einem unvollständigen Lidschluss und einem Lagophthalmus führt. Die neurologische Diagnostik umfasst die Beurteilung der Lidmotorik sowie elektrophysiologische Untersuchungen wie die Elektroneurographie (ENG) oder die Elektromyographie (EMG).

Risiken und Herausforderungen

  • Postoperative Komplikationen: Nach chirurgischen Eingriffen am Unterlid können Komplikationen wie Infektionen, Nahtdehiszenzen, Lidfehlstellungen oder Narbenbildung auftreten. Eine sorgfältige präoperative Planung, atraumatische Operationstechniken und eine engmaschige postoperative Nachsorge sind entscheidend, um das Risiko zu minimieren.
  • Tumorrezidive: Maligne Tumoren des Unterlids, insbesondere Basalzellkarzinome, neigen zu lokalen Rezidiven, wenn sie nicht vollständig exzidiert werden. Eine histologische Schnittrandkontrolle ist daher obligat, um die vollständige Entfernung des Tumors zu gewährleisten. Bei fortgeschrittenen Tumoren kann eine adjuvante Strahlentherapie erforderlich sein.
  • Funktionelle Beeinträchtigungen: Fehlstellungen des Unterlids, wie Ektropium oder Entropium, können zu chronischen Reizungen der Hornhaut, Hornhautulzera oder Visusminderungen führen. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie sind essenziell, um irreversible Schäden zu vermeiden.
  • Ästhetische Aspekte: Eingriffe am Unterlid erfordern ein hohes Maß an ästhetischem Feingefühl, da selbst geringe Asymmetrien oder Narben im sichtbaren Bereich als störend empfunden werden können. Die Wahl der Operationsmethode und die präzise Nahttechnik sind entscheidend für ein zufriedenstellendes Ergebnis.
  • Systemische Erkrankungen: Systemische Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Autoimmunerkrankungen (z. B. Sjögren-Syndrom) können die Funktion des Unterlids beeinträchtigen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen ist daher häufig erforderlich.

Ähnliche Begriffe

  • Oberlid: Das Oberlid (Palpebra superior) ist das obere Augenlid und erfüllt ähnliche Schutz- und Tränenfilmfunktionen wie das Unterlid. Es ist jedoch durch den Levator palpebrae superioris aktiv hebbar und enthält zusätzlich den Musculus tarsalis superior. Fehlstellungen des Oberlids, wie Ptosis oder Dermatochalasis, erfordern spezifische diagnostische und therapeutische Ansätze.
  • Tarsus: Der Tarsus ist eine bindegewebige Platte in Ober- und Unterlid, die dem Lid seine Form und Stabilität verleiht. Er enthält die Meibom-Drüsen und ist über die Ligamenta palpebralia mit dem Orbitarand verbunden. Erkrankungen des Tarsus, wie das Chalazion, sind häufige Ursachen für Lidschwellungen.
  • Tränenfilm: Der Tränenfilm ist eine mehrschichtige Flüssigkeitsschicht, die die Augenoberfläche benetzt und für die optische Qualität sowie den Schutz der Hornhaut essenziell ist. Das Unterlid ist maßgeblich an seiner Verteilung und Stabilisierung beteiligt. Störungen des Tränenfilms führen zum trockenen Auge (Keratoconjunctivitis sicca).
  • Lidkante: Die Lidkante (Limbus palpebralis) ist der freie Rand des Ober- und Unterlids und markiert den Übergang zwischen Haut und Bindehaut. Sie enthält die Wimpern (Cilia) und die Ausführungsgänge der Meibom-Drüsen. Entzündungen der Lidkante, wie die Blepharitis, sind häufige okuläre Erkrankungen.

Artikel mit 'Unterlid' im Titel

  • Abstehendes Unterlid: Abstehendes Unterlid: Im medizinischen Kontext bezeichnet ein abstehendes Unterlid oder Ectropion eine Augenlidstörung, bei der sich das Unterlid vom Auge weg und nach außen dreht . . .

Zusammenfassung

Das Unterlid ist eine komplexe anatomische Struktur, die durch ihren mehrschichtigen Aufbau und ihre vielfältigen Funktionen für den Schutz und die Funktionalität des Auges unverzichtbar ist. Es schützt den Augapfel vor äußeren Einflüssen, reguliert die Verteilung des Tränenfilms und ist an der Aufrechterhaltung der optischen Qualität der Hornhaut beteiligt. Erkrankungen des Unterlids, wie Fehlstellungen, Entzündungen oder Tumoren, können zu schweren okulären Komplikationen führen und erfordern eine präzise Diagnostik sowie individuelle therapeutische Ansätze. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ophthalmologie, Dermatologie und plastischer Chirurgie ist dabei von zentraler Bedeutung, um sowohl funktionelle als auch ästhetische Aspekte zu berücksichtigen. Aufgrund seiner exponierten Lage und der dünnen Haut ist das Unterlid besonders anfällig für pathologische Veränderungen, weshalb eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle empfohlen wird.

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