English: Retinal Detachment / Español: Desprendimiento de retina / Português: Descolamento de retina / Français: Décollement de rétine / Italiano: Distacco di retina

Eine Netzhautablösung ist ein schwerwiegender medizinischer Notfall, der das Sehvermögen akut bedroht. Sie tritt auf, wenn sich die lichtempfindliche Schicht der Netzhaut (Retina) von der darunterliegenden Aderhaut löst, wodurch die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff unterbrochen wird. Ohne sofortige Behandlung kann dies zu dauerhafter Erblindung führen.

Allgemeine Beschreibung

Die Netzhaut (Retina) ist eine dünne, lichtempfindliche Gewebeschicht im hinteren Teil des Auges, die für die Umwandlung von Lichtreizen in Nervensignale verantwortlich ist. Diese Signale werden über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet, wo sie als visuelle Informationen interpretiert werden. Eine Netzhautablösung (lateinisch: Ablatio retinae) entsteht, wenn sich diese Schicht teilweise oder vollständig von der darunterliegenden Aderhaut (Choroidea) trennt. Dies führt zu einer Unterbrechung der Blutversorgung und damit zu einer Schädigung der Photorezeptoren (Zapfen und Stäbchen), die für das Sehen essenziell sind.

Es gibt drei Haupttypen der Netzhautablösung, die sich in Ursache und Verlauf unterscheiden: die rhegmatogene, die traktive und die exsudative Form. Die rhegmatogene Netzhautablösung ist die häufigste Variante und entsteht durch Risse oder Löcher in der Netzhaut, durch die Flüssigkeit aus dem Glaskörper (Corpus vitreum) eindringt und die Netzhaut anhebt. Die traktive Form wird durch narbige Stränge verursacht, die an der Netzhaut ziehen, während die exsudative Variante durch Flüssigkeitsansammlungen unter der Netzhaut ohne primären Riss entsteht, oft als Folge von Entzündungen oder Tumoren.

Die Symptome einer Netzhautablösung entwickeln sich meist schleichend, können aber auch plötzlich auftreten. Typische Anzeichen sind Lichtblitze (Photopsien), die durch Zugkräfte auf die Netzhaut ausgelöst werden, sowie das plötzliche Auftreten von "Rußregen" oder schwarzen Punkten im Gesichtsfeld, die auf eine Glaskörperblutung hindeuten. Im weiteren Verlauf bemerken Betroffene einen schmerzlosen, aber fortschreitenden Gesichtsfeldausfall, der oft als "Vorhang" oder "Schleier" beschrieben wird. Ohne Behandlung schreitet die Ablösung fort, bis das zentrale Sehen vollständig verloren geht.

Die Diagnose erfolgt durch eine gründliche augenärztliche Untersuchung, die eine Spaltlampenuntersuchung, eine Funduskopie (Betrachtung des Augenhintergrunds) und eine Ultraschalluntersuchung (B-Scan) umfasst. Letztere ist besonders wichtig, wenn der Blick auf die Netzhaut durch Blutungen oder Trübungen eingeschränkt ist. Die Therapie richtet sich nach dem Typ und dem Ausmaß der Ablösung, wobei das primäre Ziel darin besteht, die Netzhaut wieder an die Aderhaut anzulegen und weitere Schäden zu verhindern.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Entstehung einer Netzhautablösung ist multifaktoriell und wird durch anatomische, traumatische oder pathologische Faktoren begünstigt. Zu den häufigsten Ursachen gehört eine altersbedingte Verflüssigung des Glaskörpers (synchysis scintillans), die zu Zugkräften auf die Netzhaut führt. Dieser Prozess wird als hintere Glaskörperabhebung bezeichnet und tritt typischerweise ab dem 50. Lebensjahr auf. Dabei kann es zu Einrissen kommen, insbesondere in Bereichen, in denen die Netzhaut dünner ist, wie etwa im Bereich der Ora serrata.

Weitere Risikofaktoren sind hohe Myopie (Kurzsichtigkeit über -6 Dioptrien), da myope Augen oft eine dünnere und gedehnte Netzhaut aufweisen, die anfälliger für Risse ist. Auch vorherige Augenoperationen, insbesondere Katarakt-Operationen (Grauer Star), erhöhen das Risiko, da dabei Zugkräfte auf die Netzhaut ausgeübt werden können. Traumatische Verletzungen, wie stumpfe Gewalteinwirkung auf das Auge (z. B. durch Ballsportarten), können ebenfalls zu Netzhautrissen führen. Seltenere Ursachen sind entzündliche Erkrankungen wie die Uveitis, Tumoren (z. B. Aderhautmelanome) oder systemische Erkrankungen wie Diabetes mellitus, die zu pathologischen Gefäßveränderungen führen.

Genetische Prädispositionen spielen ebenfalls eine Rolle: Familien mit einer Vorgeschichte von Netzhautablösungen oder erblichen Syndromen wie dem Stickler-Syndrom (eine Bindegewebserkrankung) haben ein erhöhtes Risiko. Zudem begünstigen bestimmte Lebensgewohnheiten wie Rauchen oder extreme körperliche Belastungen (z. B. Gewichtheben) die Entstehung, da sie den Augeninnendruck erhöhen oder die Durchblutung der Netzhaut beeinträchtigen können.

Diagnostische Verfahren

Die Diagnose einer Netzhautablösung erfordert eine Kombination aus klinischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren. Der erste Schritt ist meist die Anamnese, bei der der Arzt oder die Ärztin nach typischen Symptomen wie Lichtblitzen, Rußregen oder Gesichtsfeldausfällen fragt. Anschließend folgt eine Spaltlampenuntersuchung, bei der der vordere Augenabschnitt und der Glaskörper auf Trübungen oder Blutungen untersucht werden.

Die Funduskopie (Ophthalmoskopie) ist das zentrale diagnostische Verfahren, bei dem der Augenhintergrund mit einem speziellen Mikroskop betrachtet wird. Dabei können Netzhautrisse, Ablösungsareale oder narbige Veränderungen identifiziert werden. Bei getrübtem Medium (z. B. durch Glaskörperblutungen) kommt der B-Scan-Ultraschall zum Einsatz, der eine dreidimensionale Darstellung der Netzhaut ermöglicht und selbst bei undurchsichtigen Strukturen eine Diagnose erlaubt. In einigen Fällen wird zusätzlich eine optische Kohärenztomographie (OCT) durchgeführt, um hochauflösende Querschnittsbilder der Netzhaut zu erhalten und das Ausmaß der Ablösung präzise zu beurteilen.

Differentialdiagnostisch müssen andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden, wie etwa eine Glaskörperabhebung ohne Netzhautbeteiligung, eine zentrale seröse Chorioretinopathie (Flüssigkeitsansammlung unter der Netzhaut ohne Riss) oder eine ischämische Optikusneuropathie (Durchblutungsstörung des Sehnervs). Eine frühzeitige und präzise Diagnose ist entscheidend, da die Erfolgsaussichten der Behandlung mit der Dauer der Ablösung abnehmen.

Therapeutische Ansätze

Die Behandlung einer Netzhautablösung ist immer ein medizinischer Notfall und zielt darauf ab, die Netzhaut wieder an die Aderhaut anzulegen und weitere Schäden zu verhindern. Die Wahl der Therapie hängt von der Art, dem Ausmaß und der Dauer der Ablösung ab. Bei der rhegmatogenen Form, die durch Risse verursacht wird, kommen vor allem chirurgische Verfahren zum Einsatz.

Eine häufige Methode ist die Pneumatische Retinopexie, bei der ein Gasbläschen in den Glaskörperraum injiziert wird, das durch seinen Auftrieb die Netzhaut von innen gegen die Aderhaut drückt. Dieser Eingriff wird oft ambulant durchgeführt und mit einer Kryotherapie (Kältebehandlung) oder Laserkoagulation kombiniert, um die Rissränder zu verschweißen. Alternativ kann eine Vitrektomie durchgeführt werden, bei der der Glaskörper teilweise oder vollständig entfernt und durch eine Silikonöl- oder Gasfüllung ersetzt wird. Dieses Verfahren ist besonders bei komplexen Ablösungen oder wiederholten Rezidiven indiziert.

Bei der traktiven Netzhautablösung, die durch narbige Stränge verursacht wird, ist eine Vitrektomie mit Membranpeeling (Entfernung der Narben) oft unvermeidbar. Die exsudative Form erfordert hingegen die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache, wie etwa die Gabe von Kortikosteroiden bei Entzündungen oder die Bestrahlung von Tumoren. In allen Fällen ist eine engmaschige Nachsorge entscheidend, um Rezidive frühzeitig zu erkennen und Komplikationen wie eine proliferative Vitreoretinopathie (Narbenbildung nach Operation) zu vermeiden.

Anwendungsbereiche

  • Notfallmedizin: Die Netzhautablösung erfordert eine sofortige Überweisung an eine spezialisierte Augenklinik, da jede Stunde ohne Behandlung die Prognose verschlechtert. Notärztinnen und Notärzte müssen die Symptome erkennen und entsprechend handeln.
  • Augenheilkunde (Ophthalmologie): Die Diagnostik und Therapie erfolgt durch Fachärztinnen und Fachärzte für Augenheilkunde, die auf vitreoretinale Chirurgie spezialisiert sind. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind besonders für Risikopatienten essenziell.
  • Rehabilitationsmedizin: Nach erfolgreicher Behandlung kann eine visuelle Rehabilitation erforderlich sein, um das verbleibende Sehvermögen zu optimieren und Betroffene im Umgang mit möglichen Einschränkungen zu schulen.

Bekannte Beispiele

  • Der britische Schauspieler Christopher Reeve, bekannt für seine Rolle als Superman, erlitt 1995 eine Netzhautablösung nach einem Reitunfall, die erfolgreich behandelt wurde. Sein Fall unterstreicht die Bedeutung einer schnellen Intervention auch bei traumatischen Ursachen.
  • In der Literatur wird die Netzhautablösung oft als Metapher für plötzliche Einschnitte im Leben verwendet, wie etwa in dem Roman "Die Blendung" von Elias Canetti, in dem Sehstörungen symbolisch für geistige Umbrüche stehen.
  • Die deutsche Skispringerin Svenja Würth musste 2018 ihre Karriere aufgrund einer Netzhautablösung beenden, was die Risiken extremer körperlicher Belastungen für die Augengesundheit verdeutlicht.

Risiken und Herausforderungen

  • Spätdiagnose: Viele Betroffene ignorieren frühe Symptome wie Lichtblitze oder Rußregen, da diese schmerzlos sind. Eine verzögerte Diagnose verschlechtert die Prognose deutlich, da die Netzhaut ohne Sauerstoffversorgung innerhalb weniger Tage unwiderruflich geschädigt wird.
  • Rezidive: Auch nach erfolgreicher Operation kann es zu erneuten Ablösungen kommen, insbesondere wenn narbige Veränderungen (proliferative Vitreoretinopathie) auftreten. Dies erfordert oft wiederholte Eingriffe.
  • Komplikationen der Therapie: Chirurgische Verfahren wie die Vitrektomie bergen Risiken wie Infektionen, Kataraktbildung (nach Silikonöl-Füllung) oder einen erhöhten Augeninnendruck (Glaukom). Die Gasfüllung nach pneumatischer Retinopexie erfordert zudem eine spezielle Kopfhaltung über mehrere Tage.
  • Psychologische Belastung: Der Verlust des Sehvermögens oder die Angst vor Erblindung können zu Depressionen oder Angststörungen führen. Eine psychologische Begleitung ist daher oft Teil der Nachsorge.

Ähnliche Begriffe

  • Glaskörperabhebung: Eine altersbedingte oder traumatische Ablösung des Glaskörpers von der Netzhaut, die oft mit Lichtblitzen einhergeht, aber nicht zwangsläufig zu einer Netzhautablösung führt. Sie gilt jedoch als Risikofaktor.
  • Makuladegeneration: Eine degenerative Erkrankung der Makula (Stelle des schärfsten Sehens), die ebenfalls zu Sehverlust führt, aber andere Ursachen hat (z. B. altersbedingte Veränderungen oder genetische Faktoren).
  • Retinoschisis: Eine Spaltung der Netzhaut in zwei Schichten, die oft asymptomatisch verläuft, aber in seltenen Fällen zu einer Ablösung fortschreiten kann.
  • Chorioretinopathie: Eine Gruppe von Erkrankungen, die sowohl die Netzhaut als auch die Aderhaut betreffen und zu Flüssigkeitsansammlungen führen können, ohne dass ein Riss vorliegt (z. B. zentrale seröse Chorioretinopathie).

Zusammenfassung

Die Netzhautablösung ist ein akuter medizinischer Notfall, der durch die Trennung der Netzhaut von der Aderhaut gekennzeichnet ist und ohne Behandlung zur Erblindung führt. Die häufigste Form, die rhegmatogene Ablösung, entsteht durch Risse in der Netzhaut, während traktive und exsudative Varianten andere Ursachen haben. Frühsymptome wie Lichtblitze oder Gesichtsfeldausfälle erfordern eine sofortige augenärztliche Abklärung. Die Therapie umfasst chirurgische Verfahren wie die pneumatische Retinopexie oder Vitrektomie, deren Erfolg maßgeblich von der Schnelligkeit der Intervention abhängt. Trotz moderner Behandlungsmethoden bleiben Rezidive und Komplikationen Herausforderungen, weshalb regelmäßige Nachsorge und Risikominimierung (z. B. bei Myopie oder Diabetes) entscheidend sind.

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