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Tetrahydrocannabinol (THC) ist der primäre psychoaktive Wirkstoff der Hanfpflanze (Cannabis sativa) und zählt zu den am besten erforschten Cannabinoiden. Als partialer Agonist der Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 im menschlichen Endocannabinoid-System beeinflusst es physiologische Prozesse wie Schmerzempfinden, Appetitregulation und Neurotransmitterausschüttung. Aufgrund seiner pharmakologischen Eigenschaften wird THC sowohl in der medizinischen Therapie als auch in der Grundlagenforschung intensiv untersucht.

Allgemeine Beschreibung

Tetrahydrocannabinol ist ein lipophiles Molekül aus der Gruppe der Phytocannabinoide, das 1964 von den israelischen Forschern Raphael Mechoulam und Yechiel Gaoni erstmals isoliert und strukturell aufgeklärt wurde. Chemisch handelt es sich um ein terpenophenolisches Derivat mit der Summenformel C21H30O2 und einer molaren Masse von 314,47 g/mol. THC liegt in der Pflanze überwiegend als inaktive Vorstufe Tetrahydrocannabinolsäure (THCA) vor, die durch Decarboxylierung – etwa durch Erhitzen – in die psychoaktive Form überführt wird.

Die pharmakodynamische Wirkung von THC beruht auf der Bindung an die G-Protein-gekoppelten Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. CB1-Rezeptoren sind vor allem im zentralen Nervensystem lokalisiert und vermitteln die psychotropen Effekte, während CB2-Rezeptoren primär im Immunsystem exprimiert werden und für die immunmodulatorischen Eigenschaften verantwortlich sind. Die Bioverfügbarkeit von THC variiert je nach Applikationsform: Bei inhalativer Aufnahme (z. B. durch Rauchen) liegt sie bei etwa 10–35 %, bei oraler Einnahme aufgrund des First-Pass-Effekts nur bei 4–12 %. Die Plasmahalbwertszeit beträgt 1–3 Tage, wobei THC und seine Metaboliten (u. a. 11-Hydroxy-THC) aufgrund ihrer Lipophilie im Fettgewebe akkumulieren und über Wochen nachweisbar bleiben können.

In der medizinischen Anwendung wird THC vor allem als Reinsubstanz (Dronabinol) oder in standardisierten Cannabisextrakten eingesetzt. Die Dosierung erfolgt individuell, wobei typische Tagesdosen zwischen 2,5 und 20 mg liegen. Die therapeutische Breite ist relativ groß, jedoch können bei Überdosierung Nebenwirkungen wie Tachykardie, orthostatische Hypotonie oder psychotische Symptome auftreten. Die Kombination mit anderen Cannabinoiden, insbesondere Cannabidiol (CBD), kann synergistische Effekte entfalten und das Nebenwirkungsprofil verbessern.

Pharmakologische Eigenschaften

THC wirkt als partialer Agonist an den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2, wobei die Affinität zu CB1 etwa zehnmal höher ist als zu CB2. Die Aktivierung von CB1-Rezeptoren im Gehirn führt zur Hemmung der Adenylatcyclase und damit zur Reduktion der intrazellulären cAMP-Konzentration. Dies moduliert die Freisetzung verschiedener Neurotransmitter, darunter Dopamin, Glutamat und GABA, was die vielfältigen psychotropen und therapeutischen Effekte erklärt. Im Gegensatz zu vollen Agonisten wie synthetischen Cannabinoiden (z. B. JWH-018) induziert THC eine geringere Rezeptorinternalisierung, was mit einem günstigeren Nebenwirkungsprofil assoziiert wird.

Die Metabolisierung von THC erfolgt hauptsächlich in der Leber durch Cytochrom-P450-Enzyme (CYP2C9, CYP3A4). Der primäre Metabolit 11-Hydroxy-THC ist pharmakologisch aktiv und trägt zur Wirkung bei, insbesondere bei oraler Einnahme. Die Elimination erfolgt überwiegend renal (25–35 %) und fäkal (65–75 %), wobei die Nachweisbarkeit im Urin von Faktoren wie Körperfettanteil, Konsumhäufigkeit und Hydratationsstatus abhängt. Bei chronischem Konsum kann es zur Toleranzentwicklung kommen, die auf eine Downregulation der CB1-Rezeptoren zurückzuführen ist.

Medizinische Anwendungsbereiche

  • Schmerztherapie: THC wird zur Behandlung chronischer Schmerzen, insbesondere neuropathischer Schmerzen, eingesetzt. Studien zeigen eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität bei Patienten mit Multipler Sklerose, diabetischer Neuropathie oder postoperativen Schmerzen. Die analgetische Wirkung beruht auf der Modulation nozizeptiver Signale im Rückenmark und Gehirn sowie auf entzündungshemmenden Effekten.
  • Appetitstimulation: Bei kachektischen Zuständen, etwa im Rahmen einer HIV-Infektion oder onkologischer Erkrankungen, kann THC den Appetit steigern und den Gewichtsverlust verlangsamen. Dieser Effekt wird durch die Aktivierung von CB1-Rezeptoren im Hypothalamus vermittelt, die die Freisetzung appetitstimulierender Neuropeptide fördern.
  • Antiemese: THC ist wirksam gegen chemotherapieinduzierte Übelkeit und Erbrechen, insbesondere wenn konventionelle Antiemetika (z. B. 5-HT3-Antagonisten) keine ausreichende Wirkung zeigen. Die antiemetische Wirkung wird über CB1-Rezeptoren in der Area postrema des Hirnstamms vermittelt.
  • Spastik: Bei Patienten mit Multipler Sklerose oder spinalen Läsionen reduziert THC die Muskelspastik und verbessert die Mobilität. Die Wirkung beruht auf der Hemmung exzitatorischer Neurotransmitter im Rückenmark. In Deutschland ist das Fertigarzneimittel Sativex® (THC/CBD-Kombination) für diese Indikation zugelassen.
  • Neuroprotektion: Präklinische Studien deuten auf neuroprotektive Effekte von THC hin, etwa bei traumatischen Hirnverletzungen oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Die Mechanismen umfassen antioxidative Eigenschaften, die Hemmung von Neuroinflammation und die Förderung der Neurogenese.

Normen und rechtliche Rahmenbedingungen

Die medizinische Verwendung von THC unterliegt strengen regulatorischen Vorgaben. In Deutschland ist Dronabinol (synthetisches THC) als Betäubungsmittel gemäß der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) klassifiziert und darf nur auf einem speziellen Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Die Verschreibung ist auf bestimmte Indikationen beschränkt, darunter chronische Schmerzen, Spastik bei Multipler Sklerose und Appetitlosigkeit bei HIV/AIDS. Die maximale Tagesdosis beträgt 500 mg Dronabinol, wobei die tatsächliche Dosierung individuell angepasst wird.

In der Europäischen Union sind THC-haltige Arzneimittel wie Sativex® (Nabiximols) oder Marinol® (Dronabinol) für spezifische Indikationen zugelassen. Die Herstellung und der Vertrieb unterliegen den Richtlinien der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und den nationalen Arzneimittelgesetzen. In den USA ist THC als Schedule-I-Substanz nach dem Controlled Substances Act eingestuft, während Dronabinol (Marinol®) als Schedule-III-Substanz klassifiziert ist und für medizinische Zwecke verfügbar ist.

Risiken und Herausforderungen

  • Psychiatrische Nebenwirkungen: THC kann akute psychotische Symptome wie Halluzinationen, Paranoia oder Angstzustände auslösen, insbesondere bei hohen Dosen oder prädisponierten Personen. Langfristiger Konsum ist mit einem erhöhten Risiko für schizophrene Psychosen assoziiert, wobei die Kausalität noch nicht abschließend geklärt ist.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Chronischer THC-Konsum kann zu Defiziten in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen führen. Diese Effekte sind bei Jugendlichen besonders ausgeprägt und können auch nach Abstinenz persistieren. Die zugrundeliegenden Mechanismen umfassen strukturelle Veränderungen im Hippocampus und präfrontalen Cortex.
  • Abhängigkeitspotenzial: THC besitzt ein moderates Abhängigkeitspotenzial, das auf die Aktivierung des mesolimbischen Dopaminsystems zurückzuführen ist. Etwa 9 % der Konsumenten entwickeln eine Cannabisabhängigkeit, wobei das Risiko bei frühem Konsumbeginn und hoher Konsumfrequenz steigt. Entzugssymptome umfassen Reizbarkeit, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit.
  • Kardiovaskuläre Effekte: THC kann eine vorübergehende Tachykardie und orthostatische Hypotonie auslösen, was bei Patienten mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu Komplikationen führen kann. Die Mechanismen umfassen eine Sympathikusaktivierung und eine direkte Wirkung auf die Gefäßmuskulatur.
  • Interaktionen mit anderen Medikamenten: THC wird über Cytochrom-P450-Enzyme metabolisiert und kann daher mit anderen Substraten dieser Enzyme interagieren. Besonders relevant sind Wechselwirkungen mit Antikoagulanzien (z. B. Warfarin), Antidepressiva (z. B. Fluoxetin) und Immunsuppressiva (z. B. Tacrolimus). Eine sorgfältige Medikamentenanamnese ist daher essenziell.

Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen

  • Cannabidiol (CBD): CBD ist ein nicht-psychoaktives Cannabinoid, das ebenfalls aus der Hanfpflanze gewonnen wird. Im Gegensatz zu THC wirkt CBD als negativer allosterischer Modulator am CB1-Rezeptor und antagonisiert teilweise die Effekte von THC. CBD besitzt anxiolytische, antikonvulsive und entzündungshemmende Eigenschaften und wird u. a. zur Behandlung von Epilepsie (Epidyolex®) eingesetzt.
  • Tetrahydrocannabinolsäure (THCA): THCA ist die biosynthetische Vorstufe von THC in der Hanfpflanze und besitzt keine psychoaktive Wirkung. Erst durch Decarboxylierung (z. B. durch Erhitzen) wird THCA in THC umgewandelt. THCA zeigt in präklinischen Studien entzündungshemmende und neuroprotektive Effekte, die unabhängig von den Cannabinoid-Rezeptoren vermittelt werden.
  • Synthetische Cannabinoide: Diese chemisch hergestellten Substanzen (z. B. JWH-018, AM-2201) binden mit hoher Affinität an CB1- und CB2-Rezeptoren und können deutlich stärkere psychoaktive Effekte als THC auslösen. Aufgrund ihres unvorhersehbaren Nebenwirkungsprofils (u. a. Krampfanfälle, Nierenversagen) sind sie mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden und in den meisten Ländern verboten.

Bekannte Beispiele

  • Dronabinol (Marinol®): Synthetisch hergestelltes THC, das in Kapselform zur Behandlung von Appetitlosigkeit und Übelkeit bei HIV/AIDS und Krebs eingesetzt wird. Dronabinol ist in den USA (Schedule III) und mehreren europäischen Ländern zugelassen.
  • Nabiximols (Sativex®): Ein standardisierter Cannabisextrakt, der THC und CBD im Verhältnis 1:1 enthält. Das Spray wird zur Behandlung von Spastik bei Multipler Sklerose eingesetzt und ist in über 25 Ländern, darunter Deutschland, zugelassen.
  • Nabilon (Cesamet®): Ein synthetisches THC-Analogon, das strukturell dem THC ähnelt, aber eine längere Halbwertszeit aufweist. Nabilon wird zur Behandlung chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen eingesetzt und ist in den USA und Kanada verfügbar.

Zusammenfassung

Tetrahydrocannabinol ist ein pharmakologisch vielseitiges Cannabinoid mit nachgewiesener Wirksamkeit in der Behandlung chronischer Schmerzen, Spastik, Übelkeit und Appetitlosigkeit. Seine Wirkung wird über das Endocannabinoid-System vermittelt, wobei die Aktivierung von CB1- und CB2-Rezeptoren zu den therapeutischen und psychoaktiven Effekten führt. Trotz des medizinischen Potenzials sind Risiken wie psychiatrische Nebenwirkungen, kognitive Beeinträchtigungen und Abhängigkeit zu beachten. Die rechtlichen Rahmenbedingungen variieren international, wobei in Deutschland eine Verschreibung nur unter strengen Auflagen möglich ist. Die weitere Erforschung von THC und seinen Derivaten könnte neue therapeutische Anwendungen erschließen, insbesondere in der Neuroprotektion und Onkologie.

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